Partizipation ist nicht alles, aber ohne Partizipation ist alles nichts

von Henrike Notka, 
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Die SINTEG-Abschlusskonferenz liegt mittlerweile zwei Wochen zurück, doch die Ergebnisse bleiben auch jetzt noch spannend. Wir haben die Erfahrungen mit Blick auf Akzeptanzförderung und Partizipationsmöglichkeiten von zwei SINTEG-Schaufenstern zusammengetragen – eine Reflexion für alle kommenden Erneuerbaren-Energie-Projekte lohnt sich.

Rechte: NEW 4.0/EEHH

Die SINTEG-Abschlusskonferenz

In der Abschlusskonferenz vom Förderprogramm "Schaufenster intelligente Energie - Digitale Agenda für die Energiewende" (SINTEG) präsentierten die fünf Schaufenster nach vier Jahren ihre Projektergebnisse und berichteten über ihre Erfahrungen. Begleitend zur Entwicklung und Umsetzung von technischen Innovationen, die die Energiewende machbar machen sollen, legen die SINTEG-Schaufenster ein besonderes Augenmerk darauf, die Bürger*innen teilhaben zu lassen. Warum die Transformation unseres Energiesystems nur mit der Förderung von Akzeptanz und Partizipation gelingen kann, erklärten Albrecht Reuter, der Gesamtprojektleiter von C/sells und Melanie Peschel, die Leiterin der „Partizipationsarbeit in komplexen Strukturen mit Partikularinteressen“ der Smart Grid-Plattform Baden-Württemberg. Wir haben ihre Erfahrungen zusammengetragen.

Gemeinsames Gestalten

Für Albrecht Reuter und Melanie Peschel steht fest, dass die Energiewende auch eine Denkwende darstellt. Denn wenn sich das Bewusstsein für Energiethemen erhöhe, so die Referenten, steige die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen die Energiewende aktiv mitgestalten würden. Albrecht Reuter brachte es auf den Punkt: „Partizipation ist nicht alles, aber ohne Partizipation ist alles nichts.“

Den beiden Referenten zufolge habe SINTEG in den letzten vier Jahren die nötigen Denkanstöße für Bürger*innen gegeben, sich in Energiethemen einzubringen. Da die Energiewende viele Lebensbereiche und grundlegende Gesellschaftsfragen tangiere, sei innerhalb der einzelnen Projekte versucht worden, eine breite Masse zu erreichen. Im Vordergrund habe die Stärkung der intrinsischen Motivation der Bürger*innen gestanden. Das bedeute, sie ganz losgelöst davon, ob finanzielle Vorteile zu erwarten seien oder nicht, zum Mitmachen zu bewegen. Damit habe SINTEG gezeigt, dass es für eine nachhaltige Gestaltung der Energiewende auch auf Optimismus und Vorfreude auf Unbekanntes ankomme.

Eine wichtige Lehre aus den fünf Schaufenster-Strategien zur Partizipationsförderung sei die Notwendigkeit, komplexe technische Sachverhalte zu vereinfachen, um so Themen rund um die Energiewende der allgemeinen Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen.

Wie eine adäquate Möglichkeit zur Mitwirkung gestaltet werden kann, machte Melanie Peschel an einem Beispiel deutlich. Bei Smart Grid sei mit Fokusgruppen gearbeitet worden. Ziel dieser moderierten Gruppendiskussionen sei gewesen, herauszufinden, welche Themen rund um die „Zukunft der Energiewende“ die Menschen bewege. Dabei seien interessante Ergebnisse zum Vorschein gekommen. Nach Einschätzung von Melanie Peschel sei besonders interessant gewesen, dass urban-geprägte Menschen lieber über Biolebensmittel und Nachbarschaftshilfe sprachen, während sich ländlich-lebende Menschen zunehmend für Windkraft oder für die Selbstversorgung mit Strom interessieren würden. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse seien akzeptanzfördernde Maßnahmen zielgerichtet und bedarfsorientiert durchgeführt worden. So sei beispielsweise ein Leitfaden für Photovoltaikanlagen auf Balkonen erarbeitet worden, der sich speziell an Menschen, die zur Miete in einer Stadt leben, richtet.

Ist das Thema einmal im Kopf, lässt die Handlung meist nicht lange auf sich warten

Doch es müsse nicht immer ein strikt wissenschaftlich-konzipiertes Forschungsprojekt sein. Um das gesellschaftliche Engagement für eine nachhaltige Energietransformation zu stärken, würden „simple Dialoge“ mit den Bürger*innen auch ein effektives Beteiligungsinstrument darstellen. Davon würden nach Meinung von Albrecht Reuter das Autonomie-Werk in Leimen (Fürth Odenwald) oder der „Tram Talk“ in München zeugen. Während das Autonomie-Werk in Leimen Partizipation auf eher technischer Ebene – in einem privaten Energiemanagementsystem – fördert, wurde in der bayerischen Hauptstadt eine Straßenbahn für einen Tag lang zum Konferenzsaal umgestaltet, sodass bei ihrer Fahrt die Passant*innen mit spannenden Vorträgen begleitet wurden. Aber auch andere Schaufenster hätten innovative Konzepte verwirklicht, die als Inspirationsquelle für Partizipationsformate dienen könnten. So nannte Melanie Peschel lockere Bürgerdialoge, die gemeinsam beim Grillen oder während einer Fahrradtour stattfanden, oder auch das interaktive Exponat von NEW 4.0.

Die Schaufenster leben weiter

Albrecht Reuter, Gesamtprojektleiter von C/sells bei der SINTEG-Abschlusskonferenz 2020 in Hamburg. Foto: Christina Czybik/Bildkraftwerk/BMWi

Eben solche innovativen Formate sollten nach Aussagen von Albrecht Reuter auch in anderen Förderprogrammen einen etablierten Platz finden und zum politischen Paradigma werden. So müsse sich auch die EEG-Novelle vielmehr an inter- und transnationalen Strukturen, wie den EU-Richtlinien zu Erneuerbaren Energien orientieren, um Konsument*innen den Zugang in die Energiewende zu erleichtern. Daher werde SINTEG für ihn auch nach offiziellem Programmende in gewisser Weise fortbestehen: Der C/sells Club werde weiterhin jede Woche tagen und sich Themen rund um Entwicklungen zum Erreichen der Energiewende widmen. Auch Melanie Peschel meinte, den entstandenen Zusammenhalt in SINTEG nicht missen und weiterhin bei dem ein oder anderen Projekt in der Post-C/sells-Ära mitwirken zu wollen.

Autorinnen: Henrike Notka & Janina Grimm

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