Ohne grünen Windstrom keine klimaneutrale Zukunft für Europa – Doch kann der Ausbau gelingen?

von Janina Grimm, 
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Die Europäische Union hat sich im Dezember 2019 auf einen „Green Deal“ verständigt. Dieser Deal umfasst einen Fahrplan mit Maßnahmen zur Förderung einer nachhaltigen Wirtschaft in Europa. Klimaneutralität bis 2050, das ist das Hauptziel. Ohne einen erheblichen Zuwachs erneuerbarer Energien wird dieser Plan jedoch nicht aufgehen. Ein massiver Ausbau der Windkraftleistung in Nord- und Ostsee als auch in den Küstenregionen ist dafür maßgeblich. Warum und welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, erörterten WindEurope CEO Giles Dickson und Rechtsabteilungsleiterin Viktoriya Kerelska letzten Freitag im Rahmen eines hauseigenen Webinars.

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„Sofa-Talks“ nennt sich das neue digitale Angebot der WindEurope. Regelmäßig referieren Europas führende Windenergieexperten von zu Hause aus über eine Webcam über vielseitige Aspekte der Windenergiebranche. Vor wenigen Tagen ging es um die Frage wie Wind zur Umsetzung des europäischen Grünen Deals beitragen kann. Wir waren dabei und haben die wichtigsten Erkenntnisse kurz zusammengefasst.

EU plant Windkraftkapazitäten bis 2050 massiv auszubauen

Windkraft stellt innerhalb der EU schon längst kein Leichtgewicht mehr dar. Insgesamt waren bis Ende 2019 in Europa 205 GW Windenergie installiert. Mit 417 TWh produziertem Strom deckten Windräder 2019 bereits 15 Prozent des Stromverbrauchs der 28 EU-Staaten. Dabei soll es aber nicht bleiben, im Gegenteil. Das „Green Deal“-Programm der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht in den nächsten Jahren Mehrinvestitionen für den Ausbau von Windkraftanlagen vor. In dreißig Jahren soll die aktuelle installierte Leistung für Onshore-Wind mehr als verdreifacht werden. Für Offshore-Anlagen ist ein noch größerer Sprung geplant. 2018 waren es 22 GW, bis 2050 sollen es laut EU-Kommission 450 GW sein. WindEurope hält einen Zuwachs auf 100 GW bis 2030 für machbar. Von da ab an müssten jährlich rund 17,5 GW Leistung dazukommen, um das gesetzte Ausbauziel erreichen zu können. Das ist eine Herkulesaufgabe und birgt viele Herausforderungen.

Sektorenkopplung – wichtiger Baustein für den zukünftigen Erfolg der Windindustrie in Europa

Für Deutschlands Norden spielt Windkraft längst eine bedeutende Rolle, schließlich produziert Schleswig-Holstein den meisten Windstrom des Landes, so viel sogar, dass es seinen Eigenbedarf drei Mal damit decken könnte. Ein Teil des überschüssigen Stroms wird abtransportiert. Hamburg profitiert hier besonders. Nichts desto trotz müssen immer mehr Windräder aufgrund fehlender Netzinfrastruktur abgeschaltet werden. Um diesen Trend zu stoppen, arbeitet das vom BMWi geförderte Projekt „Norddeutsche EnergieWende 4.0“ - kurz: NEW4.0 – seit mehr als drei Jahren an der Erforschung und Erprobung von Technologien im Bereich der Sektorenkopplung und der Flexibilisierung des Strommarktes. Beide Ansätze bauen auf eine zunehmende Elektrifizierung des deutschen Energiesystems.

Auch WindEurope sieht den vermehrten Einsatz elektrischer Energie in den Sektoren Wärme und Verkehr als notwendige Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung des „Green Deals“ und der damit verbundenen Ausweitung der Windindustrie in Europa. Denn erneuerbare Energien bieten sich besonders für die Stromerzeugung an. Wenn die EU bis 2050 klimaneutral sein will, gilt es nicht nur die Bemühungen zur Senkung des gesamtheitlichen Energiekonsums anzukurbeln und erneuerbare Energien zu fördern, sondern auch den Stromanteil des Endenergieverbrauchs zu erhöhen, bzw. auf die anderen energieintensiven Bereiche auszudehnen. Im Jahr 2019 waren es 45 Prozent. Bis 2050 sollen es 69 Prozent werden.

Sektorenkopplung wird hierbei eine prädominante Rolle spielen müssen. Daher ist es wichtig, in Power-to-X-Technologien zu investieren und die nötigen politischen Rahmenbedingungen für ihre Marktreife und -durchdringung zu schaffen.

Wichtig sind auch Repowering, Bürgerakzeptanz, Netzausbau und gute Marktmodelle

Zusätzlich zur sektorübergreifenden Verstromung nannten die Referenten von WindEurope vier weitere wichtige Bestandteile für die erfolgreiche Weiterentwicklung der Windenergiebranche in Europa: das Repowering von bestehenden Windparks, die Förderung bürgerlicher Akzeptanz und Beteiligungsformen, ein flächendeckender und intelligenter Netzausbau sowie angemessene Finanzierungsmodelle für klimafreundliche Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien.

Sollte es nicht gelingen, an all diesen fünf Stellschrauben entscheidend zu drehen, ist das Vorhaben einer ganzheitlichen europaweiten Energiewende gefährdet. Neben Maßnahmen und Investitionshilfen auf supranationaler Ebene, stehen auch alle Mitgliedstaaten in der Verantwortung, Weichen im eigenen Land zu stellen. In Deutschland sieht es momentan um die Windbranche nicht gut aus. Das muss sich ändern.

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit September 2019 unterstütze ich als studentische Hilfskraft das gesamte Team des Clusters für Erneuerbare Energien Hamburg bei der Entwicklung, Umsetzung und Nachbereitung vielfältiger Fachveranstaltungen. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

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