Nordlichter machen Energiewende

von Janina Grimm, 
Kommentare: 0

Interview mit Laura Welle von der NEW 4.0 - Akzeptanzförderung

Hinter jedem ambitionierten Projekt stecken viele erfahrene Menschen. Jeder einzelne von ihnen trägt mit seiner beruflichen Erfahrung, fachlichen Expertise und persönlichen Stärken zu seinem Gelingen bei. Das SINTEG-Schaufenster „Norddeutsche EnergieWende 4.0“ besteht aus einem Verbund von rund 60 Partnern aus Industrie, Wissenschaft und Politik. Nach mehr als drei Jahren Projektarbeit und vielen gemeinsam erfolgreich bestrittenen Meilensteinen, wird es Zeit, sich seinen Macherinnen und Machern zu widmen. Heute im Interview ist Laura Welle vom NEW 4.0 - Arbeitspaket Akzeptanzförderung.

Quelle: Laura Welle

Laura Welle ist 33, in Lübeck geboren und arbeitet seit Jahren im Bereich der erneuerbaren Energien. Nach ihrem Bachelor in Politikwissenschaften und Soziologie studierte sie ihren Master in Nachhaltigkeitswissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. Im Sommer 2018 stieg sie in den NEW 4.0 - Verbund ein und organisiert seitdem gemeinsam mit ihren Teamkollegen akzeptanzfördernde Maßnahmen. Im Fokus steht hier vor allem die NEW 4.0 - Roadshow, die am CC4E der HAW Hamburg angesiedelt ist. Worum es bei diesem Teilprojekt geht und was es für Laura so besonders macht, erklärte sie uns im Interview.

Laura, wie würdest Du das NEW 4.0 - Projekt jemandem erklären, der nicht vom Fach ist?

NEW 4.0 bietet ein gutes, regionales Anschauungsbeispiel um die Energiewende zu erklären. Die Partner von NEW 4.0 zeigen wie das Energiesystem der Zukunft aussehen kann, welche Veränderungen es geben muss, welche neuen Puzzleteile technischer Natur und an anderen Schnittstellen es braucht, damit wir in kommenden Jahren auf umweltschonende Art und Weise Energie produzieren und verbrauchen können.

Besonders spannend finde ich auch, dass NEW 4.0 unterschiedlichste Akteure miteinander vereint. Es beteiligen sich nicht nur die klassischen großen Player der Energiebranche, sondern auch kleinere Unternehmen und öffentliche Institutionen, aber auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), oder die Handels- und Handwerkskammern.

Was ist deine Funktion in diesem Großprojekt?

Wenn ich im Rahmen der NEW 4.0 - Roadshow unterwegs bin, reise ich durch die Lande und unterhalte mich mit einer Großzahl von Menschen, präsentiere NEW 4.0, beantworte Fragen und versuche über komplexe Sachverhalte aufzuklären. Dabei schneide ich auch mit, was die Leute in Sachen Energiewende so bewegt.

Ich treffe immer wieder auf Menschen, die mir auch ihre Ängste anvertrauen. Das ist auch nachvollziehbar. Die Energiewende ist ein sehr komplexes Thema. Es ist nicht einfach, sich ein allumfassendes Bild zu verschaffen, und das kann Unsicherheiten hervorrufen und Vorbehalte wecken. Mit der Roadshow versuchen wir aber genau diesem Trend entgegenzuwirken.

Seit Mai 2018 touren wir mit unserem NEW 4.0 - Exponat durch Schleswig-Holstein und Hamburg, sind Mitaussteller bei Fachmessen oder zu Besuch bei Schulen, Gemeinden und Städten, die uns einladen, um an organisierten Themenwochen oder anderen öffentlich zugänglichen Events mitzumachen. So waren wir zum Beispiel in Kiel am Tag der Deutschen Einheit präsent, oder im Rathaus von Neumünster, wo uns viele Schulkassen besuchten. Keine Roadshow gleicht der anderen, und das macht es auch immer wieder spannend. Sollte alles nach Plan verlaufen, schaffen wir es bis zum Ende des Projektzeitraumes insgesamt 60 Stationen abgeklappert zu haben. Aktuell läuft dazu die kurze Umfrage „Was haben Sie zur Energiewende gelernt?“ – konkret möchten wir Personen um Feedback bitten, die schon einmal bei einer unserer Stationen waren.

Welches sind die häufigsten „Energiewende-Mythen“, mit denen Du allgemeinhin konfrontiert wirst?

Erstens, dass die Energiewende und erneuerbare Energien zu teuer seien. Zweitens, dass Windkraftanlagen zu Lasten des Artenschutzes gingen. Drittens, dass Windräder das Landschaftsbild verschandeln würden. Viertens, dass die Energiewende unsere Lebensweise stark beeinträchtige.

Quelle: CC4E HAW Hamburg

Und was entgegnest Du dann?

Zuhören, ins Gespräch kommen und den Austausch auf Augenhöhe suchen, das ist das Wichtigste. Darüber hinaus versuche ich mit eingängigen Beispielen und Gegenüberstellungen Wahrnehmungen, die teils einseitig oder nicht allumfassend sind, zu entzerren, zu erweitern oder anzureichern.

Wenn es zum Beispiel um das Argument geht, dass Erneuerbare nach wie vor preislich nicht mit fossilen Energieträgern mithalten können, komme ich oft auf die externen Kosten zu sprechen, die meistens hier nicht mit bedacht werden. Denn würde man die Gesundheits- und Umweltschäden, die bei der Verbrennung von Kohle, Gas und Erdöl entstehen, als Kostenpunkt mit in die Kalkulation aufnehmen, wären die erneuerbaren Energien um ein Vielfaches günstiger als ihre emissionsreichen Kontrahenten, ganz davon abgesehen, dass Windkraft heutzutage selbst ohne die Internalisierung externer Kosten äußerst attraktive Preise auf dem Energiemarkt erzielt.

Ein weiteres Gedankenspiel, dass ich sehr gerne durchführe, bezieht sich auf das Thema des Artenschutzes in Verbindung mit Windenergieanlagen. Natürlich ist nicht zu leugnen, dass Vögel durch Windrotoren mehr Risiken ausgesetzt sind als ohne. Doch spinnt man den Gedanken weiter und lädt die Leute dazu ein, eine globale Perspektive einzunehmen, sehen die meisten ein, dass der zunehmende Anstieg der Welttemperatur eine viel größere Gefahr für den Erhalt der Tierwelt darstellt, und zwar nicht nur für einzelne Tiere, sondern für gesamte Populationen. Gut ankommen tuen in diesem Zusammenhang auch Veranschaulichungen, wie dass mehr Vögel durch Glasscheiben oder Hauskatzen sterben als durch Windräder.

Zur Frage des Landschaftsbilds sind die Ergebnisse des Nachbarprojekts der Akzeptanzforschung sehr spannend: Für die deutliche Mehrheit junger Menschen gehören Windenergieanlagen nämlich zur Landschaft dazu. In anderen Altersgruppen ist dies auch der Fall, aber zu einer geringeren Prozentzahl. Dazu wird es zeitnah auch Ergebnisse aus einer neuen Umfrage meiner Kollegen und Kolleginnen der Akzeptanzforschung geben, die dann auf der NEW 4.0-Website veröffentlich werden.

Welche Generation ist leichter für das Vorhaben der norddeutschen Energiewende zu gewinnen, die jüngere oder ältere?

Das kann man so konkret nicht sagen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus, kann ich allerdings sagen, dass es sehr wichtig ist mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Auch wenn die Fridays-For-Future-Bewegungen das Interesse junger Erwachsener für Klimaschutz und nachhaltiger Energiewende wachgerüttelt haben, birgt das keinen Automatismus. Ganz spannend war es diesbezüglich mit Schülerinnen und Schülern zu sprechen, die uns vor kurzem zu Gesprächen in ihre Schule eingeladen hatten. Es gab durchaus kritische Stimmen mit Bezug auf den Personenkult rund um Greta Thunberg beispielsweise. In der Sache sind sie sich aber dennoch einig. Viele denken über ihren eigenen Fußabdruck nach, verändern ihr Verhalten und versuchen auch ihr Umfeld zu überzeugen. Ich finde das super, denn schließlich geht es um ihre Zukunft.

Was die ältere Generation anbelangt, so habe ich auch letztens erst ein sehr langes und anregendes Gespräch mit einem älteren Herrn geführt, der mir sehr stolz über seine vielzähligen Maßnahmen berichtete, um mehr Energie zu sparen und klimafreundlicher zu werden.

Daher kann ich pauschale Aussagen nach dem Motto „Junge Menschen sind dafür und ältere dagegen“, oder umgekehrt, eher nicht treffen.

Jetzt haben wir viel über das Projekt an sich gesprochen. Daher also wieder mehr zu Dir: Was ist deine intrinsische Motivation an NEW 4.0 mitzuwirken?

Was mir am Bereich der Akzeptanzförderung von NEW 4.0 besonders gut gefällt, ist, dass wir als Sprachrohr nach außen fungieren. Durch die Roadshow haben wir einen direkten Draht zu den Bürgerinnen und Bürgern und ein gutes Instrument geschaffen, um mit Leuten über das, was NEW 4.0 ausmacht, ins Gespräch zu kommen und um ihnen das Thema Energiewende näher zu bringen.

Die Öffentlichkeit mit einzubinden ist wichtig für das Gelingen eines so weitgreifenden Vorhabens wie es die norddeutsche Energiewende ist.

Meiner Meinung nach gehört es zu einer nachhaltigen Energiewende dazu, dass das Gemeinwohl auch davon profitiert, und ich wünsche mir für das Energiesystem der Zukunft eine umfangreichere Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern. Jeder Mensch sollte die Möglichkeit bekommen, einen Beitrag zu leisten und Anteil zu haben, auch im finanziellen Sinn.

Um die Leute mitzunehmen, ist es wichtig, dass Thema Energiewende mit einem positiven Narrativ zu belegen und über komplexe Sachverhalte aufzuklären. Energiewende funktioniert, ist zukunftsträchtig und birgt einen riesen Mehrwert für uns alle. Ich kann mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten, und das motiviert mich.

Danke liebe Laura für das Interview!

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit September 2019 unterstütze ich als studentische Hilfskraft das gesamte Team des Clusters für Erneuerbare Energien Hamburg bei der Entwicklung, Umsetzung und Nachbereitung vielfältiger Fachveranstaltungen. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

Fügen Sie als erster einen Kommentar hinzu

* Hierbei handelt es sich um Pflichtfelder.