Nordlichter machen Energiewende - Interview mit Lars Kaiser

von Janina Grimm, 
Kommentare: 0

Das NEW 4.0 - Projekt ist auf der Zielgeraden. Vier Jahre Projektarbeit und viele erfolgreich bestrittene Meilensteine liegen nun hinter den rund 60 Verbundpartnern und ihren Mitarbeitenden, die sich mit viel Engagement und Knowhow für das Gelingen von NEW 4.0 eingesetzt haben. Es lohnt sich, einen Blick hinter ihre Kulissen zu werfen. Deshalb haben wir Anfang des Jahres die Interviewreihe "Nordlichter machen Energiewende" ins Leben gerufen und so zahlreiche interessante Macher*innen von NEW 4.0 zum Pläuschchen gebeten. Unser letzter Gesprächspartner ist Lars Kaiser, der bis November 2020 die Koordinierungsstelle Schleswig-Holstein für NEW 4.0 geleitet hat. Freuen Sie sich auf seine Einblicke!

Quelle: Lars Kaiser

Wir haben Lars gefragt:

Lars, Du bist bei NEW 4.0 seit Beginn an dabei. Das ist bei einem Forschungsprojekt dieser Größenordnung und vor dem Hintergrund stetiger personeller Fluktuation nicht immer selbstverständlich. Daher würde es uns interessieren: Wie hast du die Anfangsphase von NEW 4.0 erlebt?

Es lag natürlich Aufbruchsstimmung in der Luft! Alle waren sehr gespannt, was in den nächsten vier Jahren passieren wird. Die Partner kannten sich noch nicht besonders gut und mussten sich untereinander erst einmal beschnuppern. Das tägliche Arbeiten miteinander über Länder- und Unternehmensgrenzen hinweg musste erst einmal gemeinsam erlernt werden. Daher war es für mich besonders spannend zu sehen, wie hier auch über die Zeit hinweg das Vertrauen zueinander gewachsen ist.

Was war eigentlich dein genauer Arbeitsauftrag?

Anfang 2017 bin ich die Koordinierungsstelle Schleswig-Holstein für das Gesamtprojekt NEW 4.0 angetreten. Die Koordinierungsstelle ist Teil des Projektmanagements und diente dazu, die strukturellen Unterschiede zwischen Schleswig-Holstein als Flächenland und Hamburg also Stadtstaat organisatorisch aufzufangen. Wie der Stellentitel nahelegt, hatten meine Aufgaben immer einen starken Bezug zu Schleswig-Holstein. Sobald projektrelevante Fragen in Bezug auf Schleswig-Holstein aufkamen, war ich die erste Ansprechperson. In Anlehnung daran, habe ich bei konkreten Projekten unterstützt, wie bei der ENKO-Plattform beispielsweise, wo über Ländergrenzen und Regelzonen hinweg ein guter Dialog zwischen den Hamburger und den in Schleswig-Holstein ansässigen Partnern gestaltet werden musste.

Neben dem klassischen Projektmanagement und meiner Rolle als Ansprechpartner für die Projektpartner ging es bei meiner Arbeit auch darum, Projektergebnisse zu vermitteln. Deswegen bin ich auch im Arbeitspaket 6 „Partizipation und Akzeptanz“ eingebunden gewesen. Damit ging einher, dass ich das Projekt bei zahlreichen Gelegenheiten vorgestellt und erklärt habe. Ich war somit viel auf Veranstaltungen, Messen, Bürgerfesten und mit der NEW 4.0 - Roadshow in ganz Schleswig-Holstein unterwegs.

Hat die Kommunikation innerhalb der Modellregion - also zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg - gut funktioniert? Gab es Koordinierungsschwierigkeiten?

NEW 4.0 hat sich zum Ziel gesetzt, zu erproben, ob es tatsächlich möglich ist in Zeiten hoher Lasten in Schleswig-Holstein entsprechende Abnehmer in Hamburg zu finden. Deshalb wurden im Rahmen des Projekts mehrere Feldtests durchgeführt, wo sich verschiedene Erzeuger und Verbraucher gleichzeitig und gesteuert über die ENKO-Plattform koordinierten, sprich ihren Bedarf und ihr Angebot an Flexibilitäten auszugleichen versuchten. Im Ergebnis demonstrierten die Feldtests, dass die Hamburger Anlagen in der Tat helfen können, die Netzengpässe in Schleswig-Holstein zu vermindern. Meiner Meinung nach ist das auch die eigentliche Kernerkenntnis des Projekts.

Ohne eine gute Kommunikation wären die Feldtests nicht durchführbar gewesen. Es war zwar ein langer Weg dahin, aber wir haben es geschafft. Was ich hierbei betonen möchte, ist, dass die Abnahme am Ende sogar funktioniert hat, obwohl zwei unterschiedliche Regelzonen involviert waren. Denn Hamburg wird vom Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz und Schleswig-Holstein von TenneT betrieben. Auch das spricht meiner Meinung nach für eine erfolgreiche Kooperation.

In Zahlen gesprochen haben wir durch NEW 4.0 200 Megawatt an Flexibilität aufbauen können. Das ist natürlich aufs Ganze betrachtet noch keine große Hausnummer. Aber damit ist es uns auf jeden Fall gelungen, zu beweisen, dass es technisch umsetzbar ist. Nun wird es darum gehen müssen, das Potential mittels wirtschaftlicher Anreize zu heben.

Was die Förderung wirtschaftlicher Anreize anbelangt, haben die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ja bekanntlich eine wichtige Lenkungsfunktion. Du warst über NEW 4.0 im engen Austausch mit der schleswig-holsteinischen Politik. Wie standen die lokalen politischen Entscheidungsträger*innen zu NEW 4.0?

Im Prinzip haben wir offene Türen eingerannt, denn die Landesregierung und Fachministerien stehen voll hinter der Idee einer gesamtheitlichen Energiewende, weshalb sie das Thema auch vor NEW 4.0 zum Teil schon propagiert hatten, beispielsweise in Form von Forderungen einer Anpassung der staatlich induzierten Strompreisbestandteile. Auch während der Projektlaufzeit erhielten wir Rückenwind von der Landespolitik in Schleswig-Holstein. Die Ergebnisse von NEW 4.0 wurden gerne aufgenommen und flossen in den politischen Diskussionen mit ein.

Doch am Ende wird die Energiepolitik maßgeblich in Berlin geschneidert. Daher war es etwas ernüchternd für mich zu beobachten, dass unsere Forderungen dort nicht auf ganz so offene Ohren gestoßen sind, wie auf der Landesebene.

Weg von der Politik und wieder zurück zu Dir: Gab es in deinem Leben ein einschneidendes Ereignis, das dich für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeitsthemen affin gemacht hat?

Ich kann es nicht an einem bestimmten Punkt festmachen. Es ist vielmehr über die Zeit gewachsen: Als Schüler habe ich bereits eine technische Affinität entwickelt und mich eher auf die naturwissenschaftlicheren Fächer konzentriert. Später kam noch mein soziales Engagement dazu. Ich hatte ein Ehrenamt im Segelverein vor Ort. Über diese Tätigkeit ist mir bewusst geworden, dass wir Gemeinschaft nur fördern und erhalten können, wenn wir miteinander über Dinge reden und uns nachhaltig verhalten.

Darauf aufbauend habe ich mir schließlich als erwachsener Mensch ein Betätigungsfeld gesucht, in dem ich meine technische Affinität mit meiner sozialen Ader verbinden kann - und dieses habe ich in der Nachhaltigkeit gesehen.

Wir sprechen bei NEW 4.0 immer von der Energiewende oder dem Energiesystem der Zukunft. Was stellst Du dir darunter vor?

Das bedeutet für mich, dass wir die Energie nachhaltig erzeugen, die wir zum Leben brauchen und dass wir gleichzeitig Stabilität und Versorgungssicherheit schaffen. So müssen wir keine Angst haben, dass uns der Strom morgen ausgeht.

NEW 4.0 wurde aufgrund der Gesundheitskrise um einige Monate verlängert. Du hast das Forschungsvorhaben jedoch wie einige andere geschätzte Kolleg*innen auch zum ursprünglichen Projektende verlassen: eher weinendes oder eher lachendes Auge dabei?

Beides! Auf der einen Seite bin ich traurig, dass ich das Projekt bereits verlassen habe, aber der enge Draht zu den Kolleginnen und Kollegen besteht weiterhin und ich informiere mich auch regelmäßig über das, was noch auf den letzten Metern passiert.

Gleichzeitig ist es so, dass ich nun eine neue Herausforderung im Beratungsunternehmen Treurat und Partner habe und ich diese neue Aufgabe auch total spannend finde. Diese Stelle ist anwendungsorientierter und weniger ein Forschungsprojekt. Hier geht es zum Beispiel um die Umsetzung von Wasserstoffprojekten, um die Projektierung von Photovoltaikanlagen oder um die Entwicklung von Quartierskonzepten.

Der Abschied von NEW 4.0 ist mir natürlich nicht leichtgefallen, aber ich konnte meine Ziele im Projekt erreichen. Ich glaube daher, einen guten Abschluss gefunden zu haben, weshalb ich jetzt auch meine neuen Aufgaben gerne annehme.

Danke Lars für das Gespräch. Wir wünschen Dir viel Erfolg und bedanken uns auch auf diesem Wege noch einmal für die tolle Zusammenarbeit bei Dir!

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit März 2020 leite ich das B2B-Marketing von NEW 4.0 im Cluster EEHH. Ob auf dieser Webseite, bei Twitter, via LinkedIn, auf Fachveranstaltungen und Messen - jeden Tag kann ich über das reden und schreiben, was mich am meisten interessiert: Die Entwicklung innovativer Lösungen für eine ganzheitliche und nachhaltige Transformation unseres Energiesystems. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

Fügen Sie als erster einen Kommentar hinzu

* Hierbei handelt es sich um Pflichtfelder.

schließen

Wir sagen Tschüss!

Das Modellprojekt "Norddeutsche Energiewende 4.0" ist beendet. Mehr über die Hintergründe, Meilensteine und Ergebnisse finden sie aber auch weiterhin auf dieser Website.