Nordlichter machen Energiewende - Interview mit Anna Meißner

von Janina Grimm, 
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Hinter jedem ambitionierten Projekt verbergen sich viele erfahrene Menschen, die mit ihren beruflichen Erfahrungen, Expertise und persönlichen Stärken zum Gelingen beitragen. Das SINTEG-Schaufenster „Norddeutsche Energiewende 4.0“ besteht aus einem Verbund von rund 60 Partnern aus Industrie, Wissenschaft und Politik.

 

Nach mehr als drei Jahren Projektarbeit und vielen erfolgreich bestrittenen Meilensteinen wird es Zeit, sich seinen Macher*innen zu widmen. Eine davon ist Anna Meißner. Sie ist zuständig für das NEW 4.0-Teilprojekt Modellbildung und Simulation zur Systemintegration“ am Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie ISIT. Im Interview erzählte sie uns mehr über ihren akademischen Werdegang und ihre Arbeit bei NEW 4.0.

Anna, wie bist Du zum Projekt NEW 4.0 gekommen?

Ich habe an der HAW im Bachelor Umwelttechnik und darauf aufbauend den Master „Renewable Energy Systems“ studiert. Als ich auf der Suche nach einem geeigneten Thema für meine Masterarbeit war, wurde gerade eine Masterandenstelle am Anwendungszentrum des Fraunhofer Institut für Siliziumtechnologie (ISIT) angeboten. Das Thema klang sehr spannend und ich hab mich riesig gefreut, als ich die Zusage für die Masterarbeit bekam. Zur gleichen Zeit wurde am ISIT das NEW 4.0 – Projekt aufgebaut, für das noch Mitarbeiter*innen gesucht wurden. Da mir Themen und Team während der Masterarbeit viel Freude bereitet haben, habe ich mich im Anschluss auf eine der Stellen beworben. Seit Mitte 2017 bin ich nun dabei.

Warum Umwelttechnik? Was hat Dich dazu inspiriert?

Ich bin mit der Energiewende und dem zunehmenden Anblick von Windkraftanlagen auf umliegenden Feldern groß geworden. Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Elmshorn auf dem Land. Für mich ist es schon immer wichtig gewesen, nachhaltig und bewusst im Einklang mit der Natur zu leben. Deshalb wollte ich auch beruflich etwas machen, was zum Klima- und Naturschutz beiträgt. Weil mir Naturwissenschaften in der Schule immer am meisten Spaß gemacht haben, entschied ich mich für Umwelttechnik. Die Natur hat Vieles gut gelöst. Davon kann man sich eine Menge abgucken und sollte es vor allem verstehen lernen.

Wie erklärst Du jemandem Außenstehenden, was Du am Fraunhofer ISIT für das NEW 4.0 – Projekt machst?

Ich arbeite an der Entwicklung einer Gesamtsystemsimulation mit, die es ermöglicht, die schwankende Einspeisung von erneuerbaren Energien und das Auftreten von Netzengpässen abzubilden und verschiedene Flexibilitätsmärkte als Lösungsansätze dafür zu untersuchen. Simuliert werden jeweils zwei Szenarien für die Jahre 2025, 2030 und 2035. Auf dieser Grundlage wird analysiert, welchen Beitrag die untersuchten Flexibilitätsmärkte leisten könnten um Netzengpässen vorzubeugen und Regelenergieeinsätze zu vermeiden. Grundsätzlich ist das Ziel dabei natürlich Kosten zu senken und gleichzeitig eine möglichst effiziente Nutzung der erneuerbar erzeugten Energie zu gewährleisten.

Für die Entwicklung wurde das Gesamtmodell zunächst in mehrere Einzelmodelle aufgeteilt, die von den beteiligten Projektpartnern an unterschiedlichen Standorten gesondert voneinander entwickelt, simuliert und analysiert werden. Über die Bereitstellung einer gemeinsamen Schnittstelle können alle Teilmodelle miteinander kommunizieren. Das bildet die Grundvoraussetzung für die Analyse ihrer Wechselwirkungen in der so genannten Co-Simulation.

Die involvierten Partner - das Fraunhofer IEE, die HAW Hamburg, die TH Lübeck und die TU Harburg - übernehmen verschiedene Aufgaben und betrachten unterschiedliche Problemstellungen. Diese nennen wir übrigens „Use Cases“.

Ich arbeite insbesondere an der Abbildung der ersten beiden Use Cases „marktbasiertes Engpassmanagement“ und „kurzfristiger lokaler Intraday-Handel“ mit. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die Flexibilitätsanbieter „Stromspeicher und Elektrolyseure“ in den zukünftigen Marktkonzepten abzubilden und zu analysieren.

Dazu gehörte zunächst auch der Aufbau einer Kommunikationsstruktur zwischen Modellen und beteiligten Partnern. Das war sehr abstimmungsintensiv und ging auch mit viel Programmierarbeit einher. Parallel wurden Daten gesammelt, erzeugt und später eingepflegt und ausgewertet. Mittlerweile verbringe ich viel Zeit damit, Programme zur Auswertung der Simulationsergebnisse zu schreiben und die Ergebnisse zu analysieren.

Betrachtet auf das Gesamtvorhaben NEW 4.0: was ist das Besondere an deinem Projekt?

NEW 4.0 möchte ja unter Beweis stellen, dass es machbar ist, Norddeutschland bis 2035 zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom zu versorgen. Weil es sich bei den hierzulande dominierenden Windenergieanlagen um wetterabhängige Energiequellen handelt, wird das Stromsystem der Zukunft zunehmend mit technischen Herausforderungen, wie Stromschwankungen und Netzengpässen, zurechtkommen müssen.

Mit den simulierten Zukunftsszenarien und anhand unserer Ergebnisse können wir Aussagen dazu treffen, wie relevant die betrachteten Probleme in Zukunft sein werden, ob die dafür erarbeiteten Marktkonzepte zielführend angewandt werden können und wie der regulatorische Rahmen dafür aussehen muss. Damit können wir die zukünftige Relevanz, die Effizienz und auch die Wirtschaftlichkeit der betrachteten Use Cases für unsere Modellregion beurteilen.

Da es sich bei „meinen“ Speichertechnologien um recht neue Strommarktteilnehmer handelt, sind sowohl die Ergebnisse zu ihrer zukünftigen Wirtschaftlichkeit als auch zur Lokalisierung des Flexibilitätsbedarfs für die Verortung neu zuzubauender Anlagen interessant.

Was macht Dir an deiner Arbeit am meisten Spaß?

Ich finde die Mischung und das Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure in NEW 4.0 großartig. Das Programmieren im Rahmen der Gesamtsystemsimulation und die Arbeit mit dem Co-Simulationsteam haben mir viel Freude bereitet. Aber auch der Austausch mit den Kollegen aus verschiedenen anderen Teilprojekten ist toll. So konnte ich bei der Gestaltung der Energiewende überall mit dabei sein und gleichzeitig eine aufregende Zeit in einem ambitionierten und gleichzeitig freundschaftlichen Umfeld verbringen.

NEW 4.0 setzt sich ja das Ziel, die „Energiewende der Zukunft“ praxisnah zu erproben: Was ist deine persönliche Vision für eine ganzheitliche norddeutsche Energiewende?

Ich finde den regional- und praxisgebundenen Ansatz von NEW 4.0 gut. Das Projekt untersucht schließlich, was konkret auf lokaler Ebene gemacht werden kann, um die Energiewende voranzutreiben und erprobt verschiedene innovative Lösungen in der Praxis.

Die Entwicklung und der Einsatz innovativer Technologien und die Etablierung passender Markt- und neuer Systemlösungen sind meiner Meinung nach wesentlich dafür, insbesondere im Bereich der Systemdienstleistungen.

Ich würde mir dazu eine intelligentere Verknüpfung von Systemstabilität und Märkten wünschen. Diese sollte die Fähigkeiten der verschiedenen Marktteilnehmer berücksichtigen und ihren Einsatz in der Form anreizen, dass ein wirtschaftlicher Einsatz gleichzeitig einem systemdienlichen Einsatz entspricht.

Bei der Größe und Komplexität des Energiesystems ist dies vermutlich schwer realisierbar, doch für eine Modellregion vielleicht schon eher. Wenn jede*r bei sich anfängt und die vor Ort gegebenen Herausforderungen angeht, dann klappt es auch mit der ganzheitlichen Energiewende.

Vielen Dank für das Interview Anna und weiterhin viel Erfolg!

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit September 2019 unterstütze ich als Mitarbeiterin das gesamte Team des Clusters für Erneuerbare Energien Hamburg bei der Entwicklung, Umsetzung und Nachbereitung vielfältiger Fachveranstaltungen. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

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