Im Interview: Prof. Dr. Eric von Düsterlho zur Studie Aus- und Weiterbildung für die Energiewende

von Hanna Naoumis, 
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Der Ausbau erneuerbarer Energien kann nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte die Herausforderungen der Zukunft annehmen. Wo Lücken bestehen, wurde in der Studie "Aus- und Weiterbildung für die Energiewende" untersucht. Prof. Dr. Jan-Eric von Düsterlho erklärt im Interview die Ergebnisse und welche Konsequenzen man daraus ziehen sollte.

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Bei der Energiewende wird meist von technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen gesprochen. Inwiefern spielt die berufsbegleitende Aus- und Weiterbildung dabei eine Rolle?

Die Energiewende kann nicht nur konzeptionell erdacht werden. Um technische Neuentwicklungen großflächig einzusetzen und die Energiewirtschaft langfristig zu verändern, braucht es Fachkräfte. Dass diese in genügender Zahl vorhanden sind ist nicht naturgegeben. Wir wollten untersuchen, welche Lücken es in der aktuellen Bildungslandschaft gibt. Dazu haben wir untersucht, welche Aus- und Weiterbildungsangebote bereits bestehen und wo es noch Lücken zwischen Angebot und Bedarf gibt.

Gibt es Bereiche in denen dieser Bedarf besonders akut ist?

Unsere Untersuchungen machen deutlich, dass die oft zitierte Digitalisierung auch im Energiesektor von besonderer Bedeutung ist. Gerade in den Feldern Informations- und Kommunikationstechnik, IT-Sicherheit und Data Science wird hoher Personalmangel erwartet. Dazu kommt, dass in Zukunft auch die Sektoren Wärme und Verkehr mit dem Strommarkt verbunden werden müssen, um die Potentiale der Energiewende zu nutzen. Zusätzliche Weiterbildungsangebote sollten diesen Prozess begleiten und beschleunigen.

Wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen?

Um die bestehenden Angebote der Aus- und Weiterbildung zu verstehen, wurden 58 norddeutsche Studiengänge und 240 deutschlandweite Weiterbildungsmöglichkeiten analysiert. Dabei wurde neben allgemeinen Daten wie Dauer und Kosten natürlich auch deren genauer Inhalt kategorisiert. Zusätzlich haben wir einen Fragebogen entwickelt, der im Rahmen des NEW-Konsortiums von 50 Personen beantwortet wurde. Dadurch konnten wir einen guten Einblick in die Personalbedarfe verschiedenster Unternehmen im Energiesektor gewinnen. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse bereits durchgeführter Studien zu diesem Thema berücksichtigt.

Sie haben eben bereits einige Themenfelder angesprochen. Könnte man dort von einem Fachkräftemangel sprechen?

Der Begriff "Fachkräftemangel" wird oft unter verschiedenen Definitionen benutzt. Fakt ist, wir haben gesehen, dass die von uns untersuchten Firmen gerade im Bereich der Digitalisierung Personalmängel erwarten und auch in diesem Bereich ihre bestehende Belegschaft weiterbilden wollen. Doch nur rund 5% der gewerblichen Weiterbildungen im Energiebereich befassen sich überhaupt mit IKT-Themen. Data Science und IT-Sicherheit im Speziellen sind in Weiterbildungsangeboten kaum vertreten. Hier tritt die Energiebranche auch in Konkurrenz zu vielen anderen Wirtschaftsbranchen. Branchenspezifische und an die genauen Bedarfe angepasste Weiterbildungsangebote sind daher ein wichtiges Mittel.

Neue Technologien rund um Energiespeicher und Sektorenkopplung brauchen ebenfalls Fachkräfte, die sowohl in der Industrie als auch im Haushaltsbereich die neuen Produkte installieren und warten können. Auch hier könnte ein die gezielte Entwicklung von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten eine Brücke schlagen. Bestehende Angebote zur Weiterbildung gibt es in diesen Feldern noch wenig bis gar nicht.

Im Interview

Profilbild zu: Prof. Dr. Jens-Eric von Düsterlho

Jens-Eric von Düsterlho ist seit 2012 Mitglied des CC4E Competence Center für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz der HAW Hamburg und zugleich Leiter des Departments Wirtschaft. Vor seiner Berufung an die HAW Hamburg war Herr von Düsterlho u.a. als Prokurist bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG tätig, wo er Industrieunternehmen und mittelständische Mandanten aus dem Bereich erneuerbarer Energien beraten hat.

Gibt es auch Erkenntnisse der Studie, die sie überrascht haben?

Interessant war vor allem die hohe Bereitschaft von Firmen, auf die Expertise von Quereinsteigern zu setzen, also Personen, die vorher noch keinerlei Berührungen mit der Energiebranche hatten. Auch hier spielt die Aus- und Weiterbildung eine spannende Rolle, denn sie kann die Einarbeitung beschleunigen und auch ein Angebot an all jene Arbeitnehmer sein, die von sich aus Kompetenzen in der Energiebranche aufbauen wollen.

Wie können Hochschulen helfen, diese Angebote zu schaffen?

Bereits heutzutage bieten Hochschulen und Universitäten Weiterbildungsangebote im akademischen Kontext an. Die Ergebnisse der Studie geben uns die Möglichkeit, hier gezielt weiter zu denken. Im Zuge von NEW arbeiten wir deshalb daran, die bestehenden Angebote zu erweitern, neue zu schaffen und beispielsweise auch in Zusammenarbeit mit dem Elbcampus Angebote für den handwerklichen Bereich umzusetzen.

Inwiefern können sich Partner des NEW-Projektes in diesen Prozess einbinden?

Durch den Aufbau der Studie floss das Wissen und Know-how vieler Partner bereits in die Ergebnisse ein. Als nächster großer Schritt steht für uns die konkrete Entwicklung der eben angesprochenen Weiterbildungsmöglichkeiten an. In einer ersten Pilotphase werden die NEW-Partner dann die Möglichkeit haben, diese Angebote wahrzunehmen. Durch ihre Rückmeldungen können wir wichtige Impulse erhalten, um diese Kurse weiter zu verbessern und allen Interessierten zugänglich zu machen.

Wo können die genauen Ergebnisse der Studie abgerufen werden?

Einen Überblick über die Ergebnisse liefert eine parallel zur Studie veröffentlichte Broschüre. Die vollständige wissenschaftliche Studie lässt sich ebenfalls online abrufen.

Über die Autorin

Profilbild zu: Hanna Naoumis

Seit Anfang 2017 arbeite ich als B2B-Marketing Managerin von NEW 4.0 im Cluster EEHH. Ob auf dieser Webseite, bei Twitter, via Xing, auf Fachveranstaltungen und Messen - jeden Tag kann ich über das reden und schreiben, was mich am meisten interessiert: Die Entwicklung von innovativen Lösungen zum Voranbringen der Energiewende, des Klimaschutzes und damit einer nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft.

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