Geo-Engineering: Genial oder Gau?

von EEHH Gastautor, 
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NEW 4.0 erprobt seit mehr als drei Jahren den Einsatz innovativer Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien und der Sektorenkopplung. Übergeordnetes Ziel dabei: durch die Dekarbonisierung des Energiesektors CO2-Emissionen vermeiden und damit zum Klimaschutz beitragen. Auch das "Climate-Engineering" stellt eine Forschungsrichtung dar, die der globalen Erderwärmung Einhalt gebieten will. Der Lösungsansatz ist allerdings ein völlig anderer. Durch künstliche Megaeingriffe in unser Klimasystem sollen CO2-Emissionen aus der Atmosphäre einfach wieder eingefangen werden. Unser Gastautor, Hans-Joachim Menzel, erklärt und hinterfragt dazu kritisch; jetzt hier in unserem Blog!

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Warum sich abmühen mit dem kleinteiligen Vermeiden und Vermindern der unzähligen CO2-Emissionen, um die Erderwärmung zu begrenzen? Stoppen wir einfach die Erwärmung im Orbit, fangen wird das CO2 auf der Erde ein, holen wir es aus der Atmosphäre zurück! Klotzen statt kleckern!

Das etwa ist - polemisch zugespitzt - die Grundidee des Geo-Engineering: Großtechnische Maßnahmen, die entweder den Strahlungshaushalt der Atmosphäre manipulieren oder das CO2 langfristig binden. Der Vorteil: Eine Änderung unseres Wirtschaftens, unseres Konsums und Lebensstils könnte sich erübrigen, alles könnte irgendwie bleiben, wie es ist.

Das Naheliegende: die Bindung von CO2

Filter scheiden CO2 an Kraftwerksschloten ab oder entziehen es der Umgebungsluft – Anteil 0,04%! Auch Biomasse in Wäldern, Plantagen und Ernteresten fängt CO2 vorübergehend ein. Dauerhaft „wegsperren“ aber lässt sich CO2 nur in tiefen Meeres- oder Gesteinsschichten. In Island z.B. wird CO2 in Basalt „versteinert“.

Langfristig speichern lässt sich CO2 auch in „Biokohle“ – sauerstoffarm verbrannter Biomasse. Ebenso durch die chemischen Prozesse bei der Verwitterung. Vorschlag: zermahlenes Silikatgestein (Olivin) auf Äcker aufbringen.

Die Ozeane nehmen 50mal mehr CO2 auf als die Atmosphäre. Das kann man fördern: einerseits durch eine verstärkte Meeresdüngung mit Phosphor, Stickstoff oder Eisen für das CO2-bindende Phytoplankton (Minipflanzen). Andererseits durch Kalkung der Meere mit Kalziummonoxid, das ebenfalls mehr CO2 bindet. Sogar die Kalt- und Warmwasserströme („Pumpen“) der Ozeane sind nicht tabu, um CO2 zu binden – etwa durch aufsteigendes, nährstoffreiches Tiefseewasser, das CO2 aufnimmt und dann wieder abtaucht.

Anders als die CO2-Bindung durch großflächige Aufforstung sind die genannten Ansätze noch nicht viel mehr als Forschungs-Projekte. Über ihre Wirksamkeit, ihre Kosten und vor allem ihre Folgewirkungen für die bestehenden Ökosysteme ist noch wenig bekannt.

Dies gilt noch mehr für die futuristischen Visionen, die die Sonneneinstrahlung vermindern sollen. Zwei Vorschläge: 1. alle 2 Jahre mit 10.000 Flügen die Stratosphäre mit Schwefelverbindungen wie Vulkanasche impfen; 2. Große Spiegel / Scheiben, die das Sonnenlicht zurückwerfen, in die Erdumlaufbahn bringen. Andererseits soll die Rückstrahlung der Erde, die „Albedo“, intensiviert werden: durch weiße Dächer weltweit, durch genmanipulierte hellere Pflanzensorten, durch riesige Rückstrahlflächen auf Wüsten und Meeren und durch künstliche Wolken. Denn: Je stärker die Albedo, desto schwächer die Erderwärmung.

Meine Meinung:

Nichts gegen Forschungsfreiheit und neue Ideen. Aber schon die Produktion und der Transport der Materialien in den dafür notwendigen riesigen Mengen erfordert erst einmal sehr viel Energie, würde die Erderwärmung mit zusätzlichem CO2 antreiben.

Weniger ist mehr – und entschieden risikoärmer. Klimaschutz und Nachhaltigkeit müssen sicher sein. Großtechnische Eingriffe in Ozeane und Atmosphäre sind in ihrer Umweltwirkung gar nicht zu überschauen. Die Chemie von Tiefsee und Weltraum ist für die Wissenschaft noch ein großer weißer Fleck.

Nicht einmal die CO2-arme Atomkraft und ihr Abfall erwiesen sich bisher als beherrschbar.

Seien wir ehrlich: Wir sollten die Ursache der Erwärmung – die CO2-Emissionen - abstellen, nicht den Teufel mit Beelzebub austreiben.

Über den Autor

Profilbild zu: Hans-Joachim Menzel

Hans-Joachim Menzel ist promovierter Jurist und war bis 2015 im Hamburger Staatsdienst, zuletzt beim Datenschutz. Seit Studentenzeiten engagiert er sich ehrenamtlich, etwa als Bundesvorsitzender der entwicklungspolitischen Kinderrechtsorganisation terre des hommes. 1992 gründete er mit anderen den Zukunftsrat Hamburg und war lange Zeit dessen Sprecher. Neben Fachaufsätzen zu rechtlichen, sozialen und Nachhaltigkeits-Themen, erschien 2015 sein Roman "Über unsere Verhältnisse".

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