Fachkräfte für die Norddeutsche EnergieWende

von Janina Grimm, 
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Rückblick auf den Workshop "Personal & Qualifizierung" am 5.11.2019

Wenn Deutschland bis 2050 klimaneutral sein will, sind innovative Lösungen und der vermehrte Einsatz neuer Technologien im Energiesektor unumgänglich. Die damit verbundene Modernisierung, Technifizierung und Digitalisierung des Energiesystems birgt viele Chancen, stellt die gesamte Gesellschaft aber auch vor große Herausforderungen. Eine davon umfasst tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitswelt. In den kommenden Dekaden werden die Beschäftigungszahlen im konventionellen Energiesektor sinken, während das Jobangebot im Bereich der erneuerbaren Energien steigen wird. Doch schon heute klagt die grüne Energiebranche über den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Was also tun?

Diana Wieben, Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland mbH. Foto: EEHH

Genau dieser Frage gingen Fachexperten und ein erfahrenes Branchenpublikum im Rahmen des Workshops „Personal und Qualifizierung für die Norddeutsche Energiewende“ nach. Das Event fand am 5.11.2019 in Lübeck statt und wurde vom Projekt NEW 4.0 unter Federführung von Jan Rispens und Hanna Naoumis vom Cluster für Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH) organisiert.   

Keynote zur Qualifizierungsstudie „Aus- und Weiterbildung für die Energiewende“

Gegen Fachkräftemangel hilft nur eins, Fachkräfte schaffen. Am nachhaltigsten gelingt das mit der Formulierung von Bildungsangeboten, die passgenau auf die neuen Bedürfnisse und Anforderungen der sich wandelnden Energiewirtschaft zugeschnitten sind. Um hier anzusetzen, gab NEW 4.0 bei der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) eine Studie in Auftrag, die sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite in Norddeutschland analysiert. Dafür wurde eine quantitative Umfrage innerhalb des projekteigenen Konsortiums erhoben.

Die Qualifizierungsstudie wurde zum Auftakt des Workshops von Prof. Dr. Jens-Eric von Düsterlho der HAW vorgestellt. Kernerkenntnisse waren folgende: Für eine erfolgreiche Markteerschließung von Power-to-X-Technologien, Stromspeichern und digitalen Angeboten zur Flexibilisierung des Strommarktes ist spezialisiertes Fachpersonal insbesondere für Data Science, IT-Sicherheit, Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) gefragt. Doch genau in diesen Bereichen fürchtet die Branche die größten Personalengpässe in der Zukunft. Entsprechend groß ist ihr Wunsch nach ergänzenden Weiterbildungsmaßnahmen. Die Angebotsanalyse der Studie zeigt jedoch, dass gerade hier großer Nachholbedarf besteht. Weder in Hamburg noch in Schleswig-Holstein werden in relevanten Studiengängen vertiefende Lehreinheiten zu Data Science und IT-Sicherheit angeboten. Auch Sektorkopplung, Change- und Innovationsmanagement sind aktuell kaum bis gar nicht in den akademischen Lehrplänen repräsentiert.

Beim Speed-Dating und Netzwerken neue Qualifizierungsangebote für die Energie- wende kennenlernen

Aus diesem Angebotsdefizit lässt sich ein klarer Handlungsauftrag für die norddeutschen Bildungsinstitute ableiten. Entsprechend haben die Mitgliedsuniversitäten von NEW 4.0 im Jahr 2019 eine Reihe von Zertifikatkursen entwickelt, die den Bedarfen der Branche gerecht werden sollen. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden acht der insgesamt zwölf Pilotmodule im Speed-Dating-Format vorgestellt und mit den Teilnehmern eingehender besprochen. Die NEW 4.0-Akademie ist einsehbar unter www.new-akademie.de.

Eindrücke

Hochschulen und Handwerk – Schulterschluss gesucht!

Aufbauend auf Dr. von Düsterlhos Vortrag stellte Ulrich Fenger des ELBCAMPUS, ein modernes Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Hamburg, die Herausforderungen im Bereich der gewerblichen Weiterbildung sehr anschaulich dar. Mit der Frage „Woran scheitern unsere Neujahresvorsätze?“ suchte er gleich zum Auftakt seines Beitrags den Dialog mit dem Publik. Die Antwort auf diese Frage lag auf der Hand: „An ihrer Umsetzung.“ Ähnlich sei es mit der Energiewende, so Herr Fenger. An fehlenden Innovationen scheitere es mittlerweile nicht mehr. Doch die neuen Technologien kämen schnell an ihre Grenzen, wenn gewerbliche Kompetenzen fehlen, um die Anlagen in der Praxis zu installieren, zu steuern, zu reparieren und zu warten.

Zwei Faktoren seien für dieses Dilemma verantwortlich. Zum einen hätten die rasanten Innovationsprozesse der letzten Jahre zu einer nie dagewesenen technischen Komplexität geführt, die nur von sehr wenigen Spezialisten beherrscht werde. Die „klassischen“ Berufe im Gewerbe könnten hier einfach nicht mehr mithalten. Zum anderen fehle es in der Berufsausbildung an entsprechenden Weiterbildungsangeboten und neuen interdisziplinären Konzepten.

Handwerker wollen nicht zu simplen „Teileausstauschern“ degradiert werden, sondern Anlagen verstehen und warten wollen. Deshalb warb Ulrich Fenger zum Ende seines Beitrags auch für mehr Kooperation zwischen Hochschulen und handwerklichen Betrieben. Denn Forschung, Entwicklung und Projektplanung brauche im Nachgang eine ebenso kompetente Steuerung vor Ort.

Statt Kickertisch, mehr Klimaschutz und Family-Feeling am Arbeitsplatz. So klappt es auch mit den Mitarbeitern.

Dem Fachkräftemangel ist mit mehr und besseren Bildungsangeboten beizukommen. Die Mühlen im Bildungssektor mahlen allerdings langsam und kompetentes Personal wird ab sofort gebraucht. Wie gehen Unternehmen mit dieser Herausausforderung um? Wie fördern sie ihre Mitarbeiter, welche Strategien zur Personalgewinnung und langfristigen Bindung werden verfolgt?

Dazu gaben Diana Wieben von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland, Barbara Schüssler, Personalentwicklerin der GP JOULE GmbH und Christoph Berger, Gründer und CEO des Hamburger Startups vilisto, einen sehr aufschlussreichen Einblick.

Unternehmen ist nicht gleich Unternehmen. Große Konzerne kommen viel leichter an Fachpersonal. Mehr Budget für Imagekampagnen und Recruiting, höhere Löhne, bessere Standorte, mehr Zusatzvergünstigungen sind hier der Schlüssel. Bei Startups, kleinen und mittleren Betriebe (KMUs) sind die finanziellen Mittel allerdings oft knapper bemessen. Dementsprechend sind kreative Lösungen gefragt, wenn sie im Wettbewerb um hochqualifizierte Mitarbeiter eine Chance haben wollen.

Eine Möglichkeit, die sich hier bietet, sind Partnerschaften mit regionalen (öffentlichen) Förderinstituten. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland (WFG NF) ist eine solche Einrichtung. Diana Wieben erklärte welche Leistungen das WFG NF im Bereich der Mitarbeiterförderung für Unternehmen aus der Region bereitstellt. Zusätzlich zur Fachkräfteberatung – Mitarbeiter finden, Kompetenzen sichern, Mitarbeiter binden – stellt die Gesellschaft auch Informationen zu staatlichen Förderprojekten bereit. Zwei Beispiele waren hier von besonderem Interesse: In Schleswig-Holstein können berufliche Weiterbildungsmaßnahmen für Beschäftigte mit maximal 3.000 Euro finanziert werden. Unternehmen selber haben die Möglichkeit durch das Förderprogramm „unternehmensWert:Mensch“ Unterstützung bei der Gestaltung einer zukunftsgerechten Personalpolitik zu erhalten.

Mit der Energiewende in Deutschland tat sich nicht nur die Notwendigkeit für die Erschließung neuer Berufsfelder auf. Sie hat auch einen Wertewandel in der Arbeitswelt angestoßen. Insbesondere junge Menschen möchten stärker bei der nachhaltigen Energietransition mitwirken. Dafür verzichten sie auch gerne - bis zu einem gewissen Maße natürlich -  auf höhere Gehälter oder einem Leben in der hippen Großstadt. Umweltbewusste KMUs können das natürlich zu ihrem Vorteil nutzen. Wie das gehen könnte, stellte Frau Schüssler am praktischen Beispiel von JP Joule zur Schau. Eine stark wertebasierte Unternehmensstrategie, dazu passende interne Strukturen und eine kohärente Arbeitsphilosophie, die den einzelnen Mitarbeiter bewusst mit Konzepten wie „Natur- und Klimaschutz“ oder „Förderung des ländlichen Raums“ in Verbindung bringen, haben dem Unternehmen viel Erfolg gebracht. So hat GP JOULE beispielsweise den diesjährigen Umweltpreis der schleswig-holsteinischen Wirtschaft erhalten.

Auch Christoph Berger konnte sich den Erfahrungen von JP Joule im Großen und Ganzen anschließen. Er betonte die „Sinnhaftigkeit des Arbeitens“ und beschrieb basierend auf den Erfahrungen seines Startups, wie wichtig es mittlerweile für junge Nachwuchstalente geworden sei, sich mit der Vision des Arbeitgebers identifizieren zu können. Ideen rund um Nachhaltigkeit und Klimaschutz würden eine besonders große Rolle einnehmen.

Doch damit sei es nicht getan. Mehr Talentmanagement weniger Human Resources, gutes Pre-Boarding mit möglichst vielen Touchpoints, schnelles Onboarding und eine kontinuierliche individuelle Betreuung von MitarbeiterInnen inklusive regelmäßigen Feedback-Gesprächen, Businessplänen, und Teamevents, sowie flache Hierarchien und Transparenz sind relevante Erfolgskriterien zur Bindung von Talenten. Auf eine Publikumsfrage hin, ob der ominöse Kickertisch am Arbeitsplatz etwas bringen würde, antwortete der junge Entrepreneur: „Die Atmosphäre muss auf jeden Fall stimmen.“ Wenn Mitarbeiter glücklich seien und sich wie zu Hause bei der Familie fühlen würden, sei seiner Erfahrung nach die Wahrscheinlichkeit größer, sie lange im Unternehmen halten zu können.

Weitere Informationen: NEW 4.0- Akademie

Unter der Dachmarke "NEW 4.0-Akademie" will das Verbundprojekt NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende dem Fachkräftemangel mit eigens entwickelten Zertifikatskursen entgegenwirken. Die Kurse vermitteln sowohl Basiswissen zur Energiewende als auch Fachwissen bis zum Expertenniveau und sind ab sofort buchbar. Für die ersten Teilnehmer*innen wird der erste Durchgang jedes Kurses kostenfrei zur Teilnahme angeboten.

Autorin

Janina Grimm, Projektassitentin bei EEHH. Kontakt: janina.grimm@eehh.de

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit September 2019 unterstütze ich als studentische Hilfskraft das gesamte Team des Clusters für Erneuerbare Energien Hamburg bei der Entwicklung, Umsetzung und Nachbereitung vielfältiger Fachveranstaltungen. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

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NEW 4.0 Akademie

Folgende akademischen Weiterbildungskurse werden angeboten:

Projektmanagement - Im Rahmen der Energiewende anwenden
Veranstalter: Hochschule Flensburg
Termin: 26.03. - 27.03.2020

Sektorenkopplung - die nächste Phase der Energiewende
Veranstalter: Hochschule Flensburg
Termin: 11-12 Juni 2020

Data Science, KI & Co in der EE-Branche – Eine Einführung
Veranstalter: Hochschule Flensburg
Termin: 14-15 Mai 2020

Märkte und Smart Balancing
Veranstalter: Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg
Termin: 18-19. Juni 2020

Quereinstieg in die Energiewende
Veranstalter: Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg
Termin: 23-24. April 2020

Digital Leadership
Veranstalter: Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg
Termin: 04.-05. Juni 2020

Datenanalyse und -bewertung - Online-Modul zur Weiterbildung
Veranstalter: Technische Hochschule Lübeck
Termin: Ab Herbst 2020

Informations- und Kommunikationstechnik der Energiewirtschaft - Online-Modul zur Weiterbildung
Veranstalter: Technische Hochschule Lübeck
Termin: Ab Herbst 2020

IT-Sicherheit in der Energiewirtschaft
Veranstalter: Universität Hamburg
Termin: 3 - 7 Februar 2020

Weitere Informationen zu den Kursen und Anmeldemöglichkeiten finden Sie unter: www.new-akademie.de

* Hierbei handelt es sich um Pflichtfelder.