Erneuerbare Energien trotzen dem Corona-Lockdown

von Janina Grimm, 
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Kernerkenntnisse des Global Energy Review 2020 der Internationalen Energieagentur (IEA)

Corona stellt primär eine globale Gesundheitskrise dar. Die Pandemie hat allerdings auch erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen. Wie genau die Krise auf die Energiesysteme und den weltweiten CO2-Footprint eingewirkt hat, wurde in den letzten Monaten von der Internationalen Energieagentur (International Energy Agency, IEA) analysiert und ausgewertet. Ein aktueller Lagebericht wurde am 30. April 2020 unter dem Titel “Global Energy Review 2020. The impacts of the COVID-19 crisis on global energy demand and CO2 emissions” von der IEA veröffentlicht. Das ist Anlass für eine kurze Ergebnissynthese.

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Der neue Bericht der IEA bietet einen nahezu Echtzeit-Überblick über die Effekte der Covid-19-Pandemie auf die weltweite Nutzung aller relevanten Energieträger. Basierend auf einer weitreichenden Datenerhebung der letzten hundert Tage gibt der Global Energy Review auch Schätzungen darüber ab, wie sich der internationale Energieverbrauch und das Emissionsniveau im restlichen Jahr 2020 entwickeln werden.

Lockdown-Maßnahmen führen zu einer Verlagerung von fossilen hin zu kohlenstoffarmen Stromquellen

Die wohl relevanteste Erkenntnis des Berichts ist, dass sich die erneuerbaren Energien im Stromsektor besser gegen die Social-Distancing-Maßnahmen behaupten konnten als ihre fossilen Kontrahenten.

Während die gesamte weltweite Stromnachfrage zurückging, erhöhte sich der Anteil von Wind- und Solarenergie an der Stromversorgung. Das hat mehrere Gründe. Zum einen hängt die Höhe der Erzeugung von Solar- und Windkraft stark vom Wetter ab und kann daher im Vergleich zu konventionellen Kraftwerken nicht flexibel am Strombedarf ausgerichtet werden. Zum zweiten ist in vielen Ländern eine vorrangige Netzeinspeisung von Strom aus erneuerbaren Energieträgern gesetzlich verankert. Zum dritten ist die installierte Kapazität von erneuerbaren Energieanlagen weltweit weiter gestiegen.

The increase was driven by a rise of about 3% in renewable electricity generation after more than 100 GW of solar PV and about 60 GW of wind power projects were completed in 2019. In addition, wind availability was high in Europe and the United States in Q1 2020. Renewables are also resilient to lower electricity demand because they are generally dispatched before other electricity sources due to their low operating costs or regulations that give them priority.

IEA (2020): Global Energy Review 2020.

Im Ergebnis machten im ersten Quartal 2020 die wetterbedingten erneuerbaren Energiequellen - in Form von Photovoltaik und Windkraft – neun Prozent der gesamten weltweiten Stromerzeugung aus. Im ersten Quartal 2019 waren es nur acht Prozent. In einzelnen Regionen der Welt wurden mit Beginn staatlicher Sperrmaßnahmen auch wesentlich höhere, rekordverdächtige Zahlen verzeichnet. Hierzu zählen insbesondere Belgien, Italien, Deutschland, Ungarn und der Osten der USA.

Das Nachfragewachstum der erneuerbaren Energien ging auf Kosten der fossilen Energieträger. Diese befinden sich zunehmend in einem Spannungsfeld zwischen niedrigem Gesamtstrombedarf und steigender Ökostromproduktion. Dennoch fehlt noch viel, bis Solar- und Windkraft den fossilen Alternativen auf internationaler Ebene den Rang ablaufen werden. Trotz der Corona-Krise sind Kohle und Erdgas nämlich nach wie vor für den Bärenanteil - fast 60 Prozent - der weltweiten Stromversorgung verantwortlich.

IEA geht von einer steigenden globalen Gesamtnutzung und Erzeugung erneuerbarer Energien für 2020 aus

Die IEA schätzt, dass die globale Gesamtnutzung erneuerbarer Energien bis 2020 um etwa ein Prozent steigen wird. Trotz der Unterbrechungen in der Versorgungskette, die die Aktivitäten in mehreren Schlüsselregionen angehalten oder verzögert haben, wird erwartet, dass der Ausbau der Sonnen-, Wind- und Wasserkraft dazu beitragen wird, dass die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im Jahr 2020 um fast fünf Prozent steigen wird.

Erneuerbare Energien werden im Jahr 2020 die einzige Energiequelle sein, die dank ihres vorrangigen Netzzugangs, zusätzlicher installierter Kapazität und niedrigen Betriebskosten ein Wachstum verzeichnen wird.

Allerdings sah sich die Branche der erneuerbaren Energien aufgrund der Pandemie und den damit verbundenen Sperrmaßnahmen im ersten Quartal 2020 mit Unterbrechungen in der Lieferkette und einer Verlangsamung der Installationsaktivitäten konfrontiert. Deshalb wird die Branche trotz ihrer Widerstandsfähigkeit im Jahr 2020 weniger wachsen als in den vergangenen Jahren.

Renewable electricity generation grows by nearly 5% despite the supply chain and construction delays caused by the Covid‑19 crisis. In doing so, renewables almost reach 30% of electricity supply globally, halving the gap with coal (from 10 percentage points in 2019). Overall, renewables growth is more sluggish than last year but in line with the general slowing trend since 2016.

IEA (2020): Global Energy Review 2020.

Erneuerbare Energien: zwar resilient im Stromsektor, aber schwach im Wärme- und Verkehrssektor

Erneuerbare Energien waren bisher die Energiequelle, die sich während der Corona-Krise als am widerstandsfähigsten gezeigt haben. Laut IEA gilt dies jedoch nur für ihre Rolle bei der Erzeugung elektrischer Energie. Außerhalb des Stromsektors, also im Bereich der Wärmeerzeugung oder des Verkehrssektors, schneiden sie weniger gut ab.

Die weltweite Nachfrage nach Biokraftstoffen für den Luft- und Straßenverkehr zum Beispiel wird im Jahr 2020 erheblich zurückgehen. Die nationalen und weltübergreifenden Reisebeschränkungen sind für diesen Trend maßgeblich verantwortlich.

CO2-Emissionen sinken um fast acht Prozent

Infolge der oben aufgeführten Trends, vor allem aufgrund des gesunkenen Kohle- und Ölverbrauchs, werden die weltweiten energiebedingten CO2-Emissionen bis 2020 um fast acht Prozent sinken und damit den niedrigsten Stand seit 2010 erreichen. Dies wäre der größte Emissionsrückgang, der jemals verzeichnet wurde - fast sechsmal so stark wie der bisherige Rekordrückgang von 400 Millionen Tonnen im Jahr 2009, der auf die globale Finanzkrise zurückzuführen war.

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit September 2019 unterstütze ich als studentische Hilfskraft das gesamte Team des Clusters für Erneuerbare Energien Hamburg bei der Entwicklung, Umsetzung und Nachbereitung vielfältiger Fachveranstaltungen. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

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