Bei viel Wind, günstiger Strom für Haushaltskunden: Nachbericht zum digitalen Treffpunkt mit den Stadtwerken Norderstedt

von Janina Grimm, 
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„Wer Wind sät, muss Strom ernten.“ Unter diesem Motto erproben die Stadtwerke Norderstedt seit drei Jahren gemeinsam mit rund 2.000 Testkund*innen den Einsatz dynamischer Stromtarife für private Haushalte. Gefördert wird das Projekt vom BMWi über das SINTEG-Programm „Norddeutsche Energiewende 4.0“, kurz: NEW 4.0. Gestern stellte Projektleiter Thorsten Meyer im Web-Seminar die wichtigsten Erkenntnisse des Forschungsprojekts vor. Wichtigste Inhalte hier im Überblick.

Quelle: Shutterstock

Unter dem Dach der Innovationsallianz NEW 4.0 wird bei den Stadtwerken Norderstedt seit mehr als drei Jahren erprobt, ob und wie sich die Stromnachfrage ihrer privaten Haushaltskund*innen der stark fluktuierenden Grünstromerzeugung besser anpassen lässt. Um Genaueres zu erfahren, organsierten das Hamburger Cluster Erneuerbare Energien (EEHH) und die Verantwortlichen des B2B – Marketings von NEW 4.0 einen digitalen Treffpunkt mit Thorsten Meyer, Leiter dieses zukunftsweisenden Forschungsprojekts. Highlights und Kernerkenntnisse seines Online-Erfahrungsberichts hier im Überblick:

Was hat die Stadtwerke zur Projektentwicklung motiviert?

Heute sind über 2.900 Windkraftanlagen in Schleswig-Holstein und Hamburg in Betrieb und erzeugen in einigen Regionen mehr als doppelt so viel Strom wie verbraucht wird. Nicht verbrauchte Energie wird abgeschaltet und geht verloren. Mit Demand-Side-Management kann die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage verkleinert werden.

Warum liegt der Fokus des Projekts auf private Haushalte?

Sie machen ein Viertel (25%) des gesamten Strombedarfs in Deutschland aus. Das Potenzial zur Lastverschiebung ist also groß.

Wie lässt sich der Stromverbrauch privater Haushalte steuern?

Mit monetären Anreizen. Deshalb wurde für die Testkunden ein flexibles Tarifmodell entwickelt. Je schneller sie auf Marktsignale reagieren, bzw. je flexibler sie ihren Stromverbrauch an die Erzeugung volatiler erneuerbarer Energien anpassen, desto günstiger der Strompreis. „Nicht Terminstrom verkaufen, sondern Flexibilität“, lautet die Grundidee.

Wie funktioniert es in der Praxis?

Die 2.000 Testkund*innen erhielten von den Stadtwerken Norderstedt zu Experimentierzwecken einen Satz kostenloser intelligenter Steckdosen, an die sie sowohl ihre passiven (z.B. Waschmaschine, Trockner oder Kühlschrank) als auch aktiven Elektrogeräte (Staubsauger, Bügeleisen, Handy, etc.) anschließen.

Diese Steckdosen werden von den Stadtwerken Norderstedt ferngesteuert, sobald überschüssiger Windstrom erzeugt wird. Wenn sich die Steckdosen aktivieren, können die Kund*innen ihre elektrischen Geräte abhängig vom gewählten Tarifmodell zu unterschiedlich hohen Strompreisen (5 Cent/kWh, 10 Cent/kWh, 15 Cent/kWh) und für unterschiedlich lange Zeit bedienen. Abhängig vom Tarifmodell leuchten die Steckdosen auch in verschiedenen Farben. Das macht es für die Kund*innen einfacher zu erkennen, welche der Steckdosen zu welchem Preis und für welche Nutzungsdauer vergünstigten Strom bereitstellt. Zusätzlich werden sie über die eigens für dieses Projekt entwickelte App und wahlweise via Push-Nachricht über die Fernschaltung benachrichtigt.

Dank Glasfasernetz und mithilfe eines digitalen Smart-Home-Systems werden die relevanten Verbraucherdaten sicher an die Stadtwerke Norderstedt übermittelt. Nur so lässt sich der monatliche Strompreis für jeden einzelnen Testkunden berechnen und entsprechend rabattieren.

Wie viel Strom konnte effektiv verschoben werden?

Durch das Projekt konnten von Oktober 2018 bis Juni 2020 insgesamt 317 MWh Strom verschoben werden. Auf den einzelnen Kunden heruntergebrochen, ergibt sich eine durchschnittliche Verschiebelast von 22 KWh im Monat. Das entspricht circa zehn Prozent des Monatsbedarfs an Strom. Wenn alle deutschen Haushalte (rund 42 Millionen) partizipieren würden, könnten monatlich 942 GWh Strom verschoben werden.

Das Projekt endet im November 2020: wie fällt das Feedback der Testkunden*innen aus?

Es wurden mehrere Umfragen mit ihnen durchgeführt. Das Ergebnis ist überwiegend positiv: 87,4 Prozent der befragten Testpersonen gaben an, den Modellversuch als attraktiv empfunden zu haben. Knapp 70 Prozent gefällt das implementierte Tarifsystem gut. 77 Prozent gaben an, das Projekt sehr gut bis gut umgesetzt zu haben. Wenn es möglich wäre, die schaltbaren Steckdosen auch nach Ablauf des Förderprojekts weiter verwenden zu können, würden das fast 90 Prozent der Kund*innen in Anspruch nehmen.

Referent Thorsten Meyer, Projektleiter für NEW 4.0, Stadtwerke Norderstedt
Referent Thorsten Meyer, Projektleiter für NEW 4.0, Stadtwerke Norderstedt

Web-Seminar

Über die Autorin

Profilbild zu: Janina Grimm

Seit September 2019 unterstütze ich als Mitarbeiterin das gesamte Team des Clusters für Erneuerbare Energien Hamburg bei der Entwicklung, Umsetzung und Nachbereitung vielfältiger Fachveranstaltungen. Parallel studiere ich meinen Master in Energy Policy. Diese Kombination aus Praxis und Theorie birgt viele tolle Chancen, meine Kenntnisse im Bereich der Erneuerbaren-Energien-Branche und nachhaltiger Energiepolitik zu vertiefen. (Janina Grimm)

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