Interview: Jan Rispens vom Cluster Erneuerbare Energien Hamburg

von NEW 4.0 Gastautor, 
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NEW 4.0 soll den Norden zur Modellregion für Deutschland machen. Jan Rispens ist Geschäftsführer der Erneuerbare Energien Hamburg Clusteragentur GmbH und vor allem dafür zuständig, die Initiative NEW 4.0 auf einem Fachpublikum bekannt zu machen. Denn das Thema ist sehr vielschichtig und das Projekt wird entscheidende Anstöße liefern, die unser aller Umgang mit Energie nachhaltig verändern wird.

Der Strom ist da und manchmal viel zu viel davon. Jetzt heißt es, die Technologie fit zu machen und intelligente Lösungen zu entwickeln. Genau dafür steht NEW 4.0, die Norddeutsche EnergieWende, die Hamburg und Schleswig-Holstein zur Modellregion für ganz Deutschland machen soll. Das Projekt verbindet 60 Unternehmen und Institutionen im Norden zu einer einzigartigen Innovationsallianz. Es wird von vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Förderprogramm "Schaufenster intelligente Energie - Digitale Agenda für die Energiewende" (SINTEG) gefördert und hat eine Laufzeit von 4 Jahren. Ende 2016 ging es los. Zeit also, einen ersten konkreten Ausblick zu wagen.

In einem Interview, das erstmals am 14.02.2018 bei den Hamburg News veröffentlicht wurde, erläutert Rispens die Problematik, um die es hier geht. Er zeigt die Vorgehensweise der an NEW 4.0 beteiligten Unternehmen und Institutionen auf und nennt erste konkrete Projekte, die bereits Form angenommen haben.

Jan Rispens. Foto: EEHH

Hamburg News: Weshalb hat sich denn das BMWi ausgerechnet für Hamburg und Schleswig-Holstein entschieden, um die Machbarkeit der Energiewende zu demonstrieren?

Jan Rispens: Hamburg und Schleswig-Holstein sind eigentlich schon heute der Zeit weit voraus. In ganz Deutschland werden im Stromsektor derzeit rund 33 Prozent erneuerbare Energien genutzt. 2020 sollen es 35 Prozent sein und bis 2035 soll der Anteil auf 100 Prozent ansteigen. Die beiden Bundesländer im Norden hingegen liegen heute zusammen schon bei 45 Prozent.

Hamburg News: Die Region bietet also optimale Voraussetzungen. Aber dafür spricht bestimmt nicht allein der bereits erreichte Anteil an erneuerbaren Energien.

Jan Rispens: Beide Länder zeichnen sich durch eine geradezu ideale Konstellation aus. Schleswig-Holstein produziert im Prinzip heute schon seine gesamte elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen. Hamburg und die Unterelberegion hingegen sind große Verbrauchsschwerpunkte in unmittelbarer Nachbarschaft, der zum Beispiel mit seiner Aluminium verarbeitenden Industrie gewaltige Mengen an Strom verschlingt.

Hamburg News: Dann müsste man also nur den Strom der zahlreichen Windparks ins Ballungszentrum Hamburg leiten…

Jan Rispens: Das der Windstrom durch das Stromnetz ankommt ist natürlich Voraussetzung. Aber Windenergie – und die macht den größten Anteil der in Schleswig-Holstein erzeugten Energiemenge aus – hat natürlich die Eigenschaft, dass sie nicht gleichmäßig rund um die Uhr zur Verfügung steht. Es gibt Zeiten, in denen weit mehr produziert wird als das Netz abnehmen kann. Und dann wieder herrscht Flaute und es muss konventionell erzeugte Energie zugekauft werden.

Hamburg News: Im Mittelpunkt von NEW 4.0 stehen also Projekte, die sich mit dieser schwankenden Energieerzeugung befassen?

Jan Rispens: Genau, die meisten Projekte lassen sich mit dem Stichwort Power to …. beschreiben. Also Power to Heat, Power to Product, Power to Mobility oder Power to Gas. Im Mittelpunkt stehen dabei Lösungen, die das Ziel haben, momentan vorhandene Überschussenergie in einen anderen Energieträger wie zum Beispiel Wärme oder Gas umzusetzen. Oder es geht darum, Einfluss auf die Nachfrage zu nehmen, um Angebot und Nachfrage besser auf einander abzustimmen.

Hamburg News: Gibt es die dafür erforderlichen Technologien bereits, oder müssen die erst entwickelt werden?

Jan Rispens: Das ist ganz unterschiedlich. In recht vielen Projekten kann zumindest auf eine bereits bewährte Basistechnologie zurückgegriffen werden, die lediglich noch an bestimmte Anforderungen angepasst werden müssen und in einem Praxisumfeld eingesetzt werden müssen.

Hamburg News: Gibt es dafür praktische Beispiele?

Jan Rispens: In Brunsbüttel soll eine Anlage zur Umwandlung von elektrischen Strom in Wasserstoff entstehen. Das dabei eingesetzte Elektrolyse-Verfahren hat den Vorteil, dass es jederzeit angehalten und wieder aufgenommen werden kann. Das bietet optimale Voraussetzungen, um die Anlage immer dann zu betreiben, wenn das aktuelle Energieangebot die Nachfrage übersteigt. Ein ähnliches Konzept verfolgt eine Power to Heat Anlage von Vattenfall im Hamburger Karolinenviertel. Hier wurde ein 30 Jahre alter Heizkessel ausgetauscht mit einem 45 Megawatt großen Elektroheizkessel und kann künftig mit überschüssiger Energie aus den Schleswig-Holsteinischen Windkraftanlagen betrieben werden, um Wärmeenergie für Wohngebiete oder auch industrielle Prozesse zu erzeugen.

Hamburg News: Aber es gibt auch Bereiche, bei denen völliges Neuland betreten wird?

Jan Rispens: Typisch dafür ist ein neuartiger Wärmespeicher, der Anfang 2019 ans Netz gehen soll. Die von Siemens entwickelte Anlage nutzt elektrische Energie, um einen Speicher aus 1000 Tonnen Gestein auf bis zu 600°C zu erhitzen. Auf diese Weise lässt sich Energie im großem Maßstab speichern, die jederzeit wieder abrufbar ist und über eine 1,5 Megawatt-Dampfturbine wieder in Strom umgewandelt werden kann. Ziel ist auch die spätere Skalierbarkeit auf sehr große Anlagen zu prüfen.

Hamburg News: Aber könnte man Strom nicht viel problemloser einfach in Batterien speichern?

Jan Rispens: Auch Batteriespeicher spielen bei NEW 4.0 eine Rolle. Im Oktober 2017 wurde zum Beispiel ein 2,5 Megawatt-Batterie-Speicherkraftwerk im Industriepark von Brunsbüttel an das Stromnetz angeschlossen. Diese Technologie nutzt überschüssige Windenergie aus einem nahegelegenen Windpark und wird vor allem genutzt, um kurzfristige Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. Wir werden für die Energiewende durchaus mehrere Speicherformen benötigen, daher werden auch diverse in NEW 4.0 eingesetzt.

Hamburg News: Wie sieht es mit Lösungen für private Haushalte aus? Auch hier ist doch bestimmt eine bessere Abstimmung von Angebot und Nachfrage ein Thema.

Jan Rispens: In diesem Bereich sind vor allem die Stadtwerke Norderstedt aktiv, die 2017 alle Haushalte mit intelligenten Stromzählern ausgestattet hat. Dabei geht es um flexible Stromtarife und den zeitgesteuerten Betrieb von Haushaltsgeräten. Das Projekt ist einmalig in Deutschland und erlaubt die praktische Erprobung einer intelligenten IT-Infrastruktur zur Absenkung von Verbrauchsspitzen.

Hamburg News: Die Windenergie ist also das entscheidende Rückgrat der Energiewende. Doch der Weg zu einer Energieversorgung mit 100 % erneuerbaren Energiequellen ist ein komplexes Thema. Wie organisiert NEW 4.0 die unterschiedlichen Lösungsansätze und die daran beteiligten Unternehmen und Institutionen?

Jan Rispens: Den Kern der Initiative bilden 8 interdisziplinäre Arbeitsgruppen. Sie verfolgen jeweils unterschiedliche Projektziele und koordinieren die damit verbundenen Projekte. Für die praktische Umsetzung wurden 6 Anwendungsfälle definiert, mit denen die unterschiedlichen Problemfelder abgedeckt werden. Dabei handelt es sich um prototypische Anwendungen, die momentan in unterschiedlichen Stadien ihrer Umsetzung stecken. 2018 wird das Jahr für NEW 4.0 werden, in denen viele der im vergangenen Jahr angelaufenen Projekte in ihre konkrete Bau- und Umsetzungsphase treten. Anlagen werden ihren praktischen Betrieb aufnehmen und erste Betriebsdaten liefern. Lösungswege werden sich unter realen Bedingungen bewähren müssen. Es wird richtig spannend werden, denn wir haben es hier mit nichts geringerem zu tun als den Einstieg in eine neue Phase der Energiewende, die verschiedene Sektoren intelligent miteinander verknüpft.
sw/kk

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